Ein Land unter Druck …?

Eigentlich ist dieses Blog nur der asiatischen Populärkultur mit Schwerpunkt auf asiatischem Fernsehen gewidmet. Allerdings möchte ich heute ein wenig ausholen:

Vielleicht schauen ein paar von euch „We Got Married“ oder „One Night, Two Days“, zwei Variety Shows auf dem Sender MBC. Oder vielleicht die Sitcom „High Kick 3“? Wahrscheinlich werdet ihr letztes Wochenende enttäuscht gewesen sein, denn die Episoden fielen aus. Dies hat etwas damit zutun, dass MBC, der Sender, bestreikt wird.

Ich schaue nun etwa seit 2008 regelmäßig „We Got Married“ und seit dem hab ich drei oder vier Streiks mitbekommen, dieser nun ist der vierte oder fünfte in vier Jahren. Ich hab das immer im Hinterkopf behalten und fand es überraschend, dass in Süd Korea soviel gestreikt wird. Gefühlmäßig streiken in Deutschland (so dass ich es mitbekommen habe) in Form von Berufsgruppen eigentlich meistens Busfahrer oder Fluglotsen. Manchmal Ärzte. Korrigiert mich, wenn ich mich täusche, aber ich kann mich nicht erinnern, andere Berufsgruppen streiken zu sehen. Zumindest nicht die gleiche Berufsgruppe fünf Mal in vier Jahren.

Dies im Hinterkopf behaltend bin ich heute zufällig über einen Artikel der FAZ gestolpert, als ich deren Archiv zum Thema Südkorea durchforstet habe. Es geht um die enorme Selbstmordquote, die Korea hat. Es ist die zweithöchste der Welt.

Die meisten werden vom Selbstmord der Schauspielerin Jang Ja Yeon gehört haben, der die Dreharbeiten zu „Boys Over Flowers“ überschattet hat. Dazu kommen die Selbstmorde von Choi Jin Sil im Jahre 2008, deren letztes Drama ironischerweise „Last Scandal of my Life“ heißt und deren Bruder Choi Jin-yeong, der sich 2010 das Leben nahm.

Und zahllose weitere.

Die World Health Organization (WHO) untersucht in ihren vielen Programmen unter anderem auch globale Selbstmordraten. Während Japan dafür eher bekannt ist, eine hohe Selbstmordrate zu besitzen, wurden sie von Südkorea um ganze vier Punkte überholt. Von 100.000 Menschen brachten sich im Schnitt 2009 39,9 Männer und 21,1 Frauen in Süd-Korea um. Im Vergleich dazu bei uns: 17,9 und 6,0 und in Japan 36,2 bzw. 13,2.

Die FAZ beschrieb als Gründe dazu in ihrem Artikel „Südkorea – Selbstmordrate steigt rapide“ „den wachsenden sozialen Druck, extrem schnellen Wandel der Gesellschaft, eine immer schärfere Konkurrenz um Arbeitsplätze, weniger Sicherheiten und hohen Leistungsdruck vom Kindergarten an. Hinzu kommt der Zerfall der traditionellen Familienstrukturen. Die Zahl der Scheidungen etwa hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen, während die Geburtenrate auf ein Rekordtief sank.“

Man konnte man bei „Yonhap“, der koreanischen Variante zu Reuters, lesen, dass Selbstmord die häufigste Todesursache bei Koreanern unter 40 sei. Zum Thema „koreanische Chefs“ stand in Vera Hohleiters Buch „Schlaflos in Seoul“ ein wirklich furchtbarer Bericht. Dadurch, dass es keine soziales, vom Staat sanktioniertes Netz gibt, wie bei uns, ist der Druck, seinen Arbeitsplatz zu behalten, egal wie schlecht das Klima, sehr hoch. Kein Wunder, dass also schon wieder gestreikt wird. Die Zeitung Joong Ang Ilbo“ schreibt, dass zur Prevention von Selbstmord bisher etwa 500 Millionen Won jährlich zur Verfügung stehen (das sind etwa 420.000 Euro), während die Kampagne gegen Rauchen 8,1 Milliarden auffährt. Die Prioritäten sind klar definiert.

Im Angesicht solcher Zahlen habe ich mit meinen koreanischen Freunden gesprochen. Normalerweise ist meine Erfahrung, dass Koreaner bezüglich negativer Dinge, die ihr eigenes Land betreffen, sehr vorsichtig sind. Allerdings kamen zu diesem Thema ein ganzer Haufen an Antworten, die in erster Linie ihr Schulsystem betrafen und der Druck, der seit dem Kindergarten aufgebaut wird. Wenn man in keinen prestigeträchtigen Kindergarten kommt, kommt man in keine prestigeträchtige Highschool und schafft es dann auch nicht auf eine entsprechende Uni. Außerdem bestätigten mir alle vier, dass Mobbing unglaublich verbreitet sei und dass alle Freunde, die man auf der Schule hat, auch immer Konkurrenten sind. Jeder will der Beste sein. Die Eltern wollen, dass man der Beste ist. Sie haben mir erzählt, dass einer der Gründe, warum man sie Deutschland gut finden, wäre, dass man mit „den Professoren diskutieren kann“. Und dass es geregelte Arbeitszeiten gibt – sie haben mir erklärt, dass jeder immer früher als der Chef da sein muß und wenn der Chef Überstunden macht, müssen das alle Angestellten auch.

Als mir das erzählt wurde, musste ich an den Artikel denken, der vor ein paar Tagen die Runde gemacht hat. In dem ging es darum, dass die koreanische Regierung eine gesetzlich verpflichtende Maximalarbeitszeit einführen möchte: Nicht mehr als 52 Stunden die Woche, Samstag mit einbegriffen. Ich erinnere mich, ein bisschen geschmunzelt zu haben, in erster Linie deswegen, weil Korea oft Neuigkeiten unter dem Blickwinkel betrachtet: Wie wirkt sich das auf unsere Wirtschaft aus? Ich war überzeugt, dass die Regierung, vorallem wegen der anstehenden Präsidentschaftswahl 2012 das niemals durchsetzen kann.

Und dann kam der neue MBC Streik und in weiterer Selbstmord, dieses Mal von Regiseeur Son Moon Kwon.

Versteht mich nicht falsch – ich finde Korea als Land faszinierend und ich mag meine koreanischen Freunde sehr und will in keinster Weise ein schlechtes Licht auf Korea werfen. Deutschland hat weiß Gott genügend Probleme und als Historikerin und Ethnologin könnte ich sofort fünf größere Dummheiten meines Landes aufzählen. Jeder hat Leichen im Keller.

Aber trotzdem hab ich eine Tendenz von einigen (nicht allen!) englischsprachigen Blogs beobachtet, in denen die negativen Aspekte ihres Landes eher tot geschwiegen werden. Von den ganzen professionelleren Publikationen, vom Sternchenblog allkop beispielsweise oder dem Fernsehsender Arirang ganz zu schweigen.

Deswegen finde ich, sollte das Thema zumindest angesprochen werden. Eure Meinungen möchte ich gern dazu hören und außerdem möchte ich an dieser Stelle den ausgezeichneten, von einem Koreaner geschriebenen, sehr respektvollen Artikel über Korea und Selbstmord bei „Ask a korean“ empfehlen, der koreanische Kultur, Selbsmord im soziologischen Kontext und krassen sozialen Wettbewerb in Korea anspricht.

Quellen: FAZ, WHO, YONHAP, AFP, askakorean

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4 thoughts on “Ein Land unter Druck …?

  1. Mein Vater hat mir heute erst erzählt, dass sich in Russland innerhalb der einer Woche 17 Leute selbst umgebracht haben und jetzt dein Artikel. Ich habe schon oft über die Hohe Selbtmordrate in Japan gehört, aber das mit Südkorea ist mir neu – na gut, ich habe es mir denken können, schließlich ist der Druck bei ihnen genauso. Habe erst gerade nachgelesen, was mit der Schauspielerin Jang Ja Yeon passiert ist. Es gibt einen deutschen Wikipedia-Eintrag – über ihr Leben steht so gut wie nichts, aber der Todeseintrag ist ziemlich lang. Ich habe total die Gänsehaut bekommen, als ich ihn gelesen habe – dass sie wirklich mit so vielen schlafen musste o.O Da sieht man wieder das Erfolg seine Schattenseiten hat, genauso wie es bei jedem Land ist. Danke für deinen Post, man sollte sich wirklich mal damit auseinandersetzten und nicht alles schönreden.
    PS: Und jetzt soll ich ruhig schlafen gehen? ^^

    • Wir scheinen ähnliche Tages- und Nachzeiten zu haben. 😉
      Davon abgesehen … ich wußte auch nicht, dass die Quoten so hoch sind und höher als Japan. Unglaublich. Unglaublich deprimierend war auch der Selbstmord von Choi Jin Shil – da hing noch ein ganzer Rattenschwanz an Scheidung, gewalttätiger Ehemann und Sorgerecht hintendran.
      Ich denke, mit all dem sind die sozialen Stigmata vor Ort noch gar nicht erwähnt oder in die Gleichung mit aufgenommen.

  2. Das mit der hohen Selbstmordrate und dem Leistungsdruck habe ich auch schon von vielen Seiten gehört und ich kann es nachvollziehen, denn in Korea sieht man oft noch um 23 Uhr Teenager, die gerade erst aus ihren Nachhilfeinstituten kommen. Es gibt da eine wirklich interessante Doku über die Situation an High Schools in Korea, falls du sie noch nicht kennst, hier der Link: http://www.youtube.com/watch?v=z5GvkcjszLk
    Das ist einer der Gründe, warum ich in Korea nicht auf Dauer leben könnte, auch wenn es viele Dinge gibt, die mir an dem Land gefallen, ich würde nicht wollen, dass meine Kinder mit so einem Druck aufwachsen.Ich finde es aber gut, dass du auch einen Artikel über die Schattenseiten schreibst, weil es wohl kein Land gibt, dass frei von negativen Aspekten ist. Ich denke schon länger darüber nach meinen Eindruck vom K-Pop Fandom mal aufzuschreiben, weil ich da auch erschreckenden Dingen in den letzten Tagen begegnet bin.

    • @biene Meine Tandempartnerin meinte, dass 23 Uhr oft noch wenig sei, weil es mittlerweile Hagwons, also diese Nachhilfeschulen gibt, wo man übernachten (!!!) kann. Bisher kannte ich das nur aus Japan. Das wird auch in Bibliotheken angeboten, sagt sie. An ihrer Universität, Ewha, ist das wohl Gang und Gebe.
      Bezüglich den negativen Aspekten des K-Pop: Ja! Schreibt darüber! Ich persönlich fand es die letzten Tage unglaublich (im negativen Sinne), was gerade um die Gruppe Block B geschieht. Und das ist nur die Spitze des Eisberges.

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